HOCHSCHULWESEN. Zum Glück gibt es Zufallsbekanntschaften im Internet, denn sonst hätte Traces Ecrites eine ungewöhnliche, Vertriebsingenieure ausbildende Hochschule übersehen.

Die Hochschule für Technik und Vertrieb ESTA (Ecole Supérieure des Technologies et des Affaires) in Belfort, Hauptstadt des französischen Departements Territoire de Belfort unweit des Dreiländerecks Deutschland, Schweiz, Frankreich gelegen, bietet in einem fünf- bzw. dreijährigen Studiengang den Erwerb gleich dreier Kompetenzen an: Technik, Vertrieb und Unternehmensführung.

Die Bedeutung der ESTA wird erst richtig deutlich, wenn man sich den ausgeprägten Mangel an kompetenten Vertriebsingenieuren in der französischen Industrie vor Augen hält.

Aber die ESTA ist nahezu unbekannt, da sie weder in den einschlägigen Listen der (rein) technischen noch derjenigen der (rein) wirtschaftlichen Hochschulen genannt wird. Außerdem liegt sie in einer Region, die selbst Franzosen oft nicht auf der Karte zeigen können. Und das, obwohl die Region zu den bedeutendsten Industriestandorten Frankreichs zählt.

Interview mit Jean GRENIER-GODARD, Direktor der ESTA, mit einem sehr bewegten beruflichen Werdegang.

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Herr Grenier-Godard, wer sind Sie ?

Ein Mann von 50 Jahren, der einen sehr atypischen beruflichen Werdegang hinter sich hat. Aber urteilen Sie selbst! Ich habe nach und nach so unterschiedliche Berufe ausgeübt wie Skilehrer, Grundschullehrer, Werbefachmann, Unternehmensleiter, Dozent an der Universität von Nancy II, Professor für Strategie oder Direktor des Executive Center der ICN Business Scholl. Seit zwei Jahren leite ich die Hochschule für Technik und Vertrieb, oder Ecole Supérieure des Technologies et des Affaires (ESTA) auf Französisch, in Belfort.

Hat Ihre Hochschule eine besondere Geschichte ?

Die Gründung der ESTA erfolgte vor 26 Jahren, gleichzeitig mit der Entwicklung des Euroairports Basel-Mülhausen-Freiburg. Anstoß gab der Wunsch einiger lokaler Industrieller, wie z.B. Christophe Viellard (VMC Gruppe), den Vertrieb ihrer Produkte auf den Weltmärkten zu stärken. Die ESTA existierte als Abteilung der Industrie- und Handelskammer von Belfort bis zum Jahre 2008. Nach einer kurzen Zwischenphase wird die ESTA heute vom Verein zur Verwaltung der ESTA geleitet. Die ESTA hat ein Jahresbudget von etwa 2 Mio. Euros, und mehrere Partner sind im Verwaltungsrat vertreten, wie z.B. die Industrie- und Handelskammer, das Departement Territoire de Belfort, die Stadt Belfort oder die Technische Universität von Belfort Montbéliard (UTBM).

Warum stellen Sie gerade sieben neue Professoren ein ?

Mit dem Übergang von einer Abteilung der Industrie und Handelskammer zum Verein standen die Angestellten vor der Wahl, ihren Beamtenstatus aufzugeben und sich der ESTA anzuschließen oder nicht. Sechs von 14 Mitarbeitern haben sich für die ESTA entschieden, die übrigen dagegen. Daher stellen wir derzeit fünf promovierte Professoren, einen Privatdozenten und einen Englischlehrer ein.

Wie erfolgt die Aufnahme in die ESTA, und welche Abschlüsse werden erreicht ?

Wir bilden in fünf Jahren Vertriebsingenieure aus, die in der französischen Industrie sehr gefragt sind. Nach Abschluss Ihres Studiums verfügen die Studenten entweder über einen Master of Science International Industrial Affairs (A2I) in Kooperation mit der UTBM, oder über einen Master of Sciences International Business Development in Kooperation mit der Wirtschaftshochschule ESC im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand.

Die Aufnahme in ESTA erfolgt nach einer internen Aufnahmeprüfung im Anschluss an ein technisches oder wissenschaftliches Abitur. Unsere Originalität liegt in der dreifachen Kompetenz, die unsere Ausbildung vermittelt: Technik, Vertrieb und Unternehmensführung. Zusätzlich sind zwei Sprachen, Englisch und Deutsch oder Spanisch, verpflichtend und werden während der gesamten fünf Jahre perfektioniert. Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, dass auch ein Quereinstieg nach einer zweijährigen technischen Vorausbildung möglich ist.

Welche Rolle spielen Praktika im Rahmen Ihrer Ausbildung ?

Praktika sind maßgebend, und die Studenten beginnen gleich im ersten Jahr mit einem Werkspraktikum. Im zweiten Jahr absolvieren sie ein auf Kundenwerbung ausgerichtetes Praktikum, im dritten Jahr folgt das 6-monatige Auslandspraktikum mit Schwerpunkt Vertriebsaktivitäten, und im vierten Jahr folgt ein Marketingpraktikum. Zuletzt folgt dann das Abschlusspraktikum mit Erstellung der Masterarbeit. Insgesamt verbringen unsere Studenten 20 Monate in einer professionellen Umgebung, Grundlage für anpassungsfähige, neugierige und reaktive Vertriebsingenieure.

Ihre Hochschule ist nicht sehr bekannt, haben Sie ein Problem Studenten anzuziehen ?

Die ESTA wird in keiner der einschlägigen Hochschulrankings geführt. Darüber hinaus liegt Belfort in einer Region, die viele Franzosen nicht auf der Karte zeigen können. Zu Unrecht, denn der Ballungsraum Belfort-Montbéliard vereint 320.000 Einwohner und zählt zu den bedeutendsten Industrieregionen Frankreichs.

Natürlich leidet die ESTA unter diesen Tatsachen, aber die Situation entwickelt sich positiv, insbesondere dank unserer 711 ehemaligen Estaliens. Sie sind unsere besten Botschafter, vor allem wenn man bedenkt, dass deren Arbeitslosenrate quasi null ist. Auch das durchschnittliche Einstiegsgehalt von 36.000 € spricht für sich, welches sich im Allgemeinen innerhalb von sieben Jahren verdoppelt.

Ein weiterer Vorteil der ESTA sind die niedrigen Studiengebühren von 4.150 € in den ersten vier Jahren, und von 5.600 € im letzten Jahr.

Welche Zukunft sehen Sie für die ESTA ?

Wir eröffnen im September eine Vertriebsingenieursausbildung, ähnlich einer Ausbildung an einer Berufsakademie. Wir streben auch eine vertraglich geregelte Annäherung an die UTBM an, um so die Forschung zu stärken. Drei Lehrstühle für städtische Mobilität, Energie und nachhaltiges Bauen sind ebenfalls im Entstehen. Und letztendlich erfolgt, ab Ende Mai, eine Annäherung an die Fachhochschule Arc in Neuchâtel.

Copyright: ESTA

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